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Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit - aus: Umsatteln Das KONSUMENT-Fahrradbuch

Reportage von Mag. Wenzel Müller über „Absolute Beginners“, dem Radfahrkurs für Erwachsene der City Cycling School, erschienen in „Umsatteln Das KONSUMENT-Fahrradbuch“ des VKI – Verein für Konsumenteninformation (ISBN: 978-3-99013-033-9)

Auf dem Übungsplatz dreht Marcela C. Runden auf einem Tretroller. Sie steht mit beiden Beinen auf dem Trittbrett und geht unter dem Fahren in die Hocke. Eine von mehreren Übungen. Bei einer anderen stößt sie sich erst mit dem rechten, dann mit dem linken Fuß am Boden ab. Und wieder bei einer anderen steht sie mit nur einem Bein auf dem Brett, während sie das andere seitlich abspreizt.

Für den Beobachter stellt sich das wie ein alberner Spaß, wie eine übermütige Spielerei dar. Und damit liegt er nicht ganz falsch. „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“, diesen Satz von Harry Rowohlt, erzählt Bernhard Dorfmann, habe er neulich zufällig in der Zeitung gelesen. Er eigne sich ganz gut als Motto für seine Radfahrkurse.

2010 gründete Dorfmann in Wien die „City Cycling School“. In Einzel- oder Gruppenunterricht zeigt der gebürtige Südtiroler all jenen, die in ihrer Kindheit dazu die Gelegenheit verpasst haben, wie das geht, das Radfahren. Bei ihm dürfen, ja sollen Erwachsene wieder Kind sein.

Marcela wuchs in Rumänien auf, in einem Dorf. Ihr Vater, erzählt sie, starb früh. Für die Anschaffung eines Fahrrads fehlte das Geld. So verpasste Marcela die entscheidende Phase, in der Radfahren üblicherweise mit spielerischer Leichtigkeit gelernt wird. Nun will sie das nachholen. Denn den Weg von ihrer Wohnung in Wien nach Klosterneuburg, zu ihrem Wochenendhaus, den möchte sie gerne mit dem Rad zurückzulegen. Die vielen Radler auf der Donauinsel haben es ihr angetan.

Andere hegen den Wunsch, mit ihren Enkeln am Wochenende Radfahrausflüge zu machen. Er habe schon Kursteilnehmer über 70 gehabt, sagt Dorfmann. Einmal auch eine Balletttänzerin der Wiener Staatsoper. Sie, aus besserem Haus, blieb der frühe Kontakt mit dem Fahrrad versagt, weil ihre Eltern in ihm ein unschickliches Gefährt für ihre Tochter sahen.

Es gibt Länder, der Iran beispielsweise, die Frauen Radfahren in der Öffentlichkeit kategorisch verbieten. Da schwingt die (religiöse) Angst mit, das Jungfernhäutchen könnte Schaden nehmen. Im Westen wollen diese Frauen nun nachholen, was ihnen in ihrem Heimatland verwehrt wurde.

Kräftig Schwung nehmen und den Lenker immer gerade halten! Sagt Dorfmann zu Marcela. Sie kommt nicht weit, nur ein paar Meter, dann springt sie ab, weil sie umzufallen droht. So, merkt sie, geht es nicht. Und genau das ist der Sinn der Übung, denn sie soll, erklärt Dorfmann, zwei Dinge zeigen.

Erstens, dass es immer das Gefährt ist, das anzeigt, was zu tun ist – und nicht umgekehrt. Der Fahrer hat zu reagieren, nicht zu agieren. Und zweitens, dass Fahren mit einem einspurigen Fahrzeug ein dauerndes Ausbalancieren und damit ein ständiges Korrekturlenken erfordert. „In Wien sagt man dazu geigeln. Du musst beim Fahrradfahren immer geigeln.“

Erwachsene lernen anders als Kinder. Das zeigt sich deutlich beim Zweitsprachenerwerb. Kinder lernen über Nachahmung, sie greifen auf, was und wie ihre Umgebung spricht, und leiten davon die grammatikalischen Regeln ab. Erwachsene neigen hingegen dazu, erst nach den Regeln zu fragen, bevor sie daran gehen, einen Satz in der fremden Sprache zu bilden.

Ähnlich beim Radfahren. Erwachsene wünschen Erklärungen und Anleitungen. Doch genau diesen Weg möchte Dorfmann nicht gehen. Er hält keine Vorträge, er verliert nicht groß Worte, sondern lässt im Gegenteil – einfach tun. Über Erfahrung lernen. Genau wie Kinder.

Der Einzelunterricht umfasst fünf Termine zu je zwei Stunden. Für Marcela ist dies der zweite Tag. Inzwischen ist eine Stunde vergangen. Der Tretroller wird zur Seite gelegt, nun kommt das Fahrrad dran. Ein Klapprad mit kleinen Reifen und tiefem Durchstieg.

Erste Übung: Das Rad schieben. Für einen Anfänger gar nicht so einfach. Dauernd stößt Marcela mit ihren Beinen an die Pedale. Dorfmann zeigt, wie das zu verhindern ist: „Segelschiff machen“. Das Rad beim Schieben immer leicht schräg halten. So kommen Beine und Pedale nicht in Kontakt.

Dorfmann kam zum Studium nach Wien, Jus und Volkswirtschaft. Nebenher jobbte er als Fahrradkurier. Irgendwann wurde dieser Job zur Hauptsache. Ist man jeden Tag mit dem Rad in der Stadt unterwegs, im Sommer wie im Winter, so lernt man mit der Zeit alle Tricks und Gefahren, die der Straßenverkehr zu bieten hat. Warum dieses Wissen nicht weitergeben? Jünger werde ich nicht, sagte sich Dorfmann, und er beschloss, sich als Radfahrlehrer ein zweites berufliches Standbein aufzubauen.

Es ist nicht allein die Erfahrung, die jahrelange Praxis, aus der Dorfmann schöpft. Er ging selbst noch einmal in die Schule, in die Radfahrschule, und zwar zu Christian Burmeister in Hamburg.

Burmeister, ein Sportwissenschaftler, ist so etwas wie ein alter Hase in der Branche. Seit einem Vierteljahrhundert beschäftigt er sich in Theorie und Praxis mit den ersten Gehversuchen auf dem Rad. Daraus sein eigenes Lehrkonzept abgeleitet. mit dem (geschützten) Namen „Moveo ergo sum“ – ich bewege mich, also bin ich.

Dieses Konzept erinnert sehr an Montessori und Waldorfpädagogik, es legt Wert auf Spaß und spielerischen Zugang und darauf, dem Schüler möglichst viel Freiraum zu lassen. Ein Ansatz, der Dorfmann nicht nur sympathisch ist, sondern mit dem er auch beste Erfahrungen macht.

Marcela ist Ende 30. Schon öfters habe sie versucht, sich selbst das Fahrradfahren beizubringen. Doch vergebens, wie auch die Bemühungen ihres Mannes nicht fruchteten, im Gegenteil, die hätten fast zu einem veritablen Ehekrach geführt. Sagt sie und lacht.

Weder Helm noch Knieschützer trägt Marcela. Warum nicht? Die würden, erklärt Dorfmann, den unmittelbaren Kontakt mit dem Fahrrad und das Gefühl für die einzelnen Bewegungsabläufe nur behindern.

Man kann im nachhinein gar nicht genau sagen, wie es plötzlich gekommen ist, dass man fährt. Wie von selbst fügen sich die einzelnen Übungsbausteine zum großen Ganzen zusammen: die Fahrschülerin steht mit einem Fuß im Fahrrad, taucht an, rollert, setzt den zweiten Fuß auf das Pedal, setzt sich auf den Sattel und …. pedaliert pedaliert pedaliert.

Erst nur ein paar Meter. Dann, bei den folgenden Versuchen, immer weiter. Das ist der Moment, den sie Jahre, ja Jahrzehnte herbeigesehnt hat. Sie steigt ab und springt vor Freude in die Luft. Sie kann es! Sie kann Rad fahren. Als würden Geburtstag und Weihnachten zusammenfallen, so ein Glückstag ist das für sie.

Der zweite Tag des Radfahrkurses, und schon der große Erfolg! Drei weitere Termine werden folgen, in denen die Schülerin die Feinheiten des Radfahrens lernen wird. Punktgenau abbremsen. Kleine und große Kreise fahren. Eine Hand vom Lenker nehmen. Die Geschwindigkeit variieren. Anfahren und anhalten.

Die Erfolgsquote in seinen Kursen liege bei etwa 95 Prozent, sagt Dorfmann. Scheitern würden nur jene Teilnehmer, die durch körperliche Gebrechen eingeschränkt seien, die beispielsweise ihr Knie nicht abwinkeln könnten.

Vielleicht ist die größte Hürde ohnehin, sich für den Radfahrkurs anzumelden, denn das heißt ja, eine Schwäche, ein Defizit einzugestehen. Und sich nicht nur anzumelden, sondern auch tatsächlich zu kommen. Wer diese Hürde schafft, wer die Stärke hat, zu seiner Schwäche zu stehen, der packt dann in der Regel auch den Rest, das Radfahren.

Weiterführende Links:
Christian Burmeister: moveo ergo sum
Umsatteln Das KONSUMENT-Fahrradbuch
Radfahrkurs für Erwachsene „Absolute Beginners