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Während es Expertentipps fürs Radfahren in der Kälte hagelt, erzähle ich euch, wie es ist, in der Kälte zu fahren. Es beginnt mit einem Blick auf das Thermometer, das mit simplen Zahlen mit negativem Vorzeichen einen Eindruck geben will. Wieviel ist 0°C, -3°C, -7°C, um wieviel kälter ist -10°C, erfriert man bei -15°C? Und der Wind, der hier in Wien sich ständig wichtig macht, zählt der auch?

Fragen, die nur aufhalten. Jetzt gilt’s. Lieber alles doppelt nehmen, als hinterher elendiglich zu frieren. Also zwei Paar Socken (unter der Voraussetzung, dass die Schuhe nicht zu knapp bemessen sind), lange Unterhose, normale Hose, Unterhemd, dünner Pulli, dicker Pulli, dicke winddichte Jacke, Unterhelmmütze, normale Mütze, (zartgesichtshäutige wie ich gönnen sich als einziges Hardcoreaccessoire eine Sturmhaube), dünne Handschuhe und drüber winddichte dicke und das war’s auch schon. Winterfeste Schuhe sind sowieso Voraussetzung, manche schwören auf Thermosohlen als Einlage.

Na gut, während da draußen die Jahreszeit ihre Kühlkette erfolgreich ausbaut, versuche ich Wärmebrücken so gut wie möglich zu dekonstruieren. Krägen werden hochgeschlagen, Ärmel ausgerollt, Handschuhbünde drüber gestülpt und Socken hochgezogen. Die Helmriemen drücken die Mützen eng an die Ohren und es entsteht ein leichtes, beruhigendes Grundrauschen in meinem Kopf. Nein, ich höre nicht das Meer. Radbrille nicht vergessen.

Kleine Tricks erleichtern das Losfahren: zuallererst, dass alles griffbereit ist. Heizkörperwarme Handschuhe, Mützen und Schuhe verhindern den Start mit einem unterwegs nur sehr schwer aufzuholenden Wärmedefizit. Das Fahrrad muss wie gewohnt funktionieren, da darf es keine Zweifel geben. Weitere Fragen sollten vorher beantwortet sein: wo stecke ich mein Smartphone hin, möchte ich unterwegs zum Smartphone greifen müssen (d.h. anhalten, Handschuhe ausziehen, Status-Update posten, … bei -10°C ?!, vergiss es. Freisprecheinrichtungen: muss man Erfahrungen mit haben.) , wie verringere ich am effizientesten den Radschlüsselsuchvorgang für das Auf- und Absperren des Fahrradschlosses.

Mit einem Wort: Kälteradfahrende entstehen im Lauf des Jahres. Sie sind mit diesen Vorgängen vertraut und können bei widrigen Bedingungen ihre Routine ausspielen, um damit fertig zu werden. Und es geht – gerade in der Stadt – immer noch um die unschlagbaren Vorteile des Radfahrens, nämlich zeitnah, ökonomisch und mitweltfreundlich ohne Verzögerungen von A nach B zu gelangen.

Aber zurück zum Vorgang selbst: sobald man mit dem Fahrrad in der Hand ins Freie tritt, scheint es für einen Augenblick nicht so kalt zu sein, wie erwartet. Antauchen, erste Meter kurbeln, die Kälte umhüllt gierig ihr scheinbares Opfer, die Fahrtluft wird zur “Gefühlten Kälte”, die man besorgten Experten zufolge, nicht unterschätzen dürfe. Selig die Experten, … . Bis das körpereigene Wärmewerk durch das Kurbeln seine Kraft entfaltet, durchschreitet man ein Kältetal, in dem es darauf ankommt, zuversichtlich die Ruhe zu bewahren im Wissen darum, dass einem bald warm werden wird. Wer auf seinem Weg zuerst 2 Kilometer bergabfahren muss, wartet länger darauf, als jemand der dasselbe bergauf macht.

Tatsächlich beginnt also nach den sprichwörtlichen “5 Minuten” von innen heraus eine Wärme in alle Teile des Körpers zu strömen, dass man sich fragen könnte, warum man im Vorfeld Teil der Bedenkentragenden geworden ist. Während also die Wärme im Takt der Kurbelumdrehungen ihr wohltätiges Werk am Körper verrichtet, ist es entscheidend für das realistische Einschätzen, ob man weiter in der Kälte radfahren möchte, dass sich ein Gefühl der ungetrübten Behaglichkeit einstellt.

Diesen Anspruch sollte und kann man angesichts der am Bekleidungsmarkt verfügbaren Materialien aller Preisklassen haben. Sie haben drei Grundmerkmale, die alle erfüllt sein müssen, um Radfahren in der Kälte nicht zur Heldentat verklären zu müssen: sie sind winddicht, atmungsaktiv und radfahrgeschnitten. Man muss sie auch nicht sichtbar tragen. Die Unterhelmthermomütze versteckt sich unter der normalen Mütze, die Thermofahrradjacke unter dem normalen Mantel, die dünnen Innenhandschuhe und die Thermounterhose erledigen ihre Funktion schon dem Namen nach.

Ich finde das sehr wichtig, denn Kälte verursacht Schmerzen, die wiederum Energie entziehen, Schwäche hervorrufen und einen davon abhalten, sich zu wünschen, dasselbe noch einmal zu erleben. Weiters ist entscheidend, dass man sich in allen Teilen konsequent kleidet. Schon eine ungeeignete Brille, die nicht nah genug am Gesicht sitzt, wird zur Tränenquelle, deren Eiskristalle man sich von mitfühlenden Mitbürgern aus den Wangen streichen lassen muss.

Wo waren wir stehen geblieben? (Nein, nicht an der Ampel (das ist kein freud’scher), sondern im Text). Das Kältetal ist überwunden, die Wärmepumpe ist auf Touren, wir werden fröhlich, weil wir alles im Griff haben, da die Bekleidung funktioniert, uns nirgends kalt ist und wir wie berechnet unser Fahrziel erreichen werden. Fahrrad absperren mit gekonntem Griff zum Fahrradschlüssel, rein ins überhitzte Gebäude, bewundernde wie kopfschüttelnde Blicke werden registriert aber nicht bewertet, virtuelle Gesundheitspunkte ins persönliche Konto eingetragen und Aktivität versprüht. Wann können wir wieder radfahren?