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Diese Zeilen richten sich an alle, die sobald’s schneit wie von selbst von Radfahrenden zu Radbesitzenden regredieren.

Der Wetterbericht des Vortags macht alles klar: Schneefall für die Nacht, umfangreiche Staus, mit Verzögerungen im Nah- und Fernverkehr ist zu rechnen, die Unfallgefahr steigt rapide an. Wer denkt da an Radfahren? Natürlich niemand, wie alle buchstäblich Innensitzenden und Außenstehenden kopfschüttelnd bedenken.

Radfahrende denken sehr wohl ans Radfahren, auch wenn sie nicht daran denken. Bei Schneefall denken sie nämlich, dass sie nicht daran denken sollten. Dabei sollten sie daran denken, daran zu denken.

Die ersten Meter sind rutschig. Sobald das Fahrrad in Schräglage kommt, brechen die Laufräder aus der Spur. Ohne Zwischenfälle um die Ecke zu kommen gelingt nur aufrecht Fahrenden. Das wiederum ist eine Frage der genügend geringen Geschwindigkeit und des richtigen Bremsverhaltens, Stichwort bremsen in der Kurve auf schneeigem Untergrund? Forget it! Die Conclusio liegt hoffentlich auf der Hand. Vorher bremsen, Kurve kratzen, weiterfahren.

Überhaupt muss man einige Fahrgewohnheiten modifizieren: im Stehen losfahren verlagert das Gewicht zu weit nach vorne und das Hinterrad dreht durch. Meter für Meter erfährt man, dass der Vorwärtsgrip auf frisch verschneitem Untergrund nicht vom Reifenprofil abhängt und dass schmale Hinterreifen sogar von Vorteil sind, weil sie sich in die weiche Schneedecke hineinfräsen.

Das seitliche Abrutschen geht hingegen auf die Kappe des Vorderrads. Ein gutbestollter Vorderreifen würde für bessere Rutschbeständigkeit sorgen, wenn es nicht so beknackt aussehen würde, vorne und hinten verschiedene Reifenprofile zu fahren. Das Krönungskriterium für Spurstabilität ist aber die Gewichtsverteilung auf dem Fahrrad. Wenn von Expert_innen ein ideales Winterrad für die Stadt zu küren wäre, würde das Crossrennrad den ersten Platz einheimsen. Man kriegt im Vergleich zu Hardtails oder Citybikes durch die gestreckte Sitzposition ziemlich viel Gewicht auf das Vorderrad und kann auf diese Weise spurstabil fahren.

Im frisch gefallenen, wie jungfräulich zentimeterhoch daliegenden Schnee, hat man auch Pflügarbeit zu leisten. Es fällt schwerer als sonst, die Totpunkte der Kurbelumdrehungen zu überwinden. Gleichzeitig findet das Fahrrad im Pedaliertakt sein stets in der Schwebe baumelnde Gleichgewicht, weshalb es ratsam ist, leichtere Gänge zu wählen, um öfter pro Zeiteinheit den gleichgewichtherstellenden Pedaliertakt anwenden zu können. Nebeneffekt ist, dass man sich leichter beim Treten tut. Ist doch auch was, nicht wahr?

Schneenasse Bremsen, zumindest Felgenbremsen, verzögern sanfter als gewohnt, was erst bei abrupten Bremsmanövern zum Nachteil wird, denn die Reifenhaftung auf verschneitem Untergrund ist ohnehin nicht die beste. Dafür katapultiert sich der Bremsgummiverschleiß bei Felgenbremsen in ungeahnte Höhen.

Bei all diesen Beobachtungen und Überlegungen kommt die Verwandlung der Stadt in ein sanftes, behutsames, einlullendes, weißes, lärmreduziertes Cocoon zu kurz. Das ist aber das wichtigste: sobald’s schneit, rauf aufs Rad! Es sind viel weniger KFZs unterwegs als sonst, sie beschleunigen und bremsen sanft, schmiegen sich in die Kurven und hupen stupsig „Vorsicht“. Man könnte glatt Freundschaft schließen.

Bis zu 10 cm Frischschnee macht es radfahrerisch kein Problem, wenn die Radfahranlagen nicht sofort geräumt werden. Solange es schneit, wird in der Regel auch der Schnee von den Gehsteigen nicht sofort auf die oft angrenzenden Radfahranlagen geräumt. Unterm Strich herrschen also ziemlich gute Bedingungen, die Laune aufs Radfahren in der Stadt machen.

Die echten Probleme mit dem Schnee beginnen für Radfahrende am Tag NACH dem Schneefall. Vereiste Spuren, vollgeräumte Radfahranlagen, der gewohnte KFZ-Trott, uneinheitlich fester (Schnee)-Untergrund erfordern mehr Flexibiltät und Geduld, als man vielleicht erwartet hätte. Es sind auch wieder mehr Radfahrer_innen unterwegs. Jenen möchte ich sagen: ihr kommt zu spät. Das Vergnügen hat schon statt gefunden, nämlich am Tag davor, am Tag des Schnees.

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